September 2020 - Thurber-Fabel

      September 2020 - Thurber-Fabel

      Fabeln kennt wahrscheinlich jeder. Sie erzählen eine kleine Geschichte, um mit einer Moral abzuschließen, die die Wirkung eines Hütehunds für die Herde entfaltet: die Erkenntnis der Fabel macht einen nicht freier, aber man fühlt sich in den Beschränkungen der Gemeinschaft gleich wohler, weil klar wird, wie es ohne ausgehen kann.

      James Thurber, ein amerikanischer Schriftsteller, hat die brave Fabel ziemlich auf den Kopf gestellt. Eine seiner bekanntesten Schöpfungen ist: "Das kleine Mädchen und der Wolf". Die Fabel basiert auf dem Grimm'schen Märchen vom Rotkäppchen und Thurber hat seine Neufassung an einem Aspekt festgemacht, den wahrscheinlich jeder aus Kindertagen kennt. Da gab es immer die tollsten Illustrationen zu dem Märchen, die ein haariges Tier mit langer Schnauze unter einer altertümlichen Schlafhaube zeigten. Jedes Kind fragt sich, warum Rotkäppchen trotzdem auf die schlechte Darstellung ihrer Großmutter hereinfällt und gefressen wird.

      Nicht bei Thurber: hier zieht das einigermaßen helle Kind eine Schusswaffe und erledigt den Wolf. Denn, wie Thurber uns augenzwinkernd verrät, ein Wolf unter einer Haube sieht einer Großmutter etwa so ähnlich wie der Metro-Goldwyn-Mayer-Löwe dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

      Die Moral heißt ganz passend: "Es ist heutzutage nicht mehr so leicht wie ehedem, kleinen Mädchen etwas vorzumachen."

      Schreibe eine Fabel, die sich selbst auf den Arm nimmt, mit einer Moral, die uns lächeln lässt. Vielleicht findet sich ein weiteres Märchen in der Grimm'schen Sammlung, das man ganz nach Thurbers Vorbild verwandeln kann. Die Fabel darf maximal 10.000 Zeichen haben. Am besten deutlich unter 7.000 Zeichen bleiben, nicht aus Versehen eine Kurzgeschichte schreiben. Eine Untergrenze gibt es diesmal nicht.